LMU liest
03.08.2026
Empfehlungen für die Sommerlektüre von Forschenden und Studierenden der LMU
03.08.2026
Empfehlungen für die Sommerlektüre von Forschenden und Studierenden der LMU
Vom Sachbuch, das die eigene Weltsicht herausfordert, bis zum historischen Roman, der von Krieg, Flucht und Neuanfang erzählt: Bei den folgenden Lesetipps ist bestimmt für jede Leserin und jeden Leser ein passendes Buch als Ferienbegleiter dabei.
Professor Ferenc Krausz
„Gute Nachrichten zwischen zwei Buchdeckeln: Die Welt ist in vielen Bereichen deutlich besser geworden, als die meisten Menschen glauben. In den letzten Jahrzehnten gab es enorme Fortschritte bei Lebenserwartung, Bildung, Gesundheit und Armutsbekämpfung.
Das zeigen Hans Rosling gemeinsam mit Ola Rosling und Anna Rosling Rönnl in ihrem Buch Factfulness. Wir schätzen die Welt oft falsch ein, schreiben der Autor und seine Co-Autorinnen. Sie erklären anhand von Daten, Statistiken und anschaulichen Beispielen, warum unser Blick auf globale Entwicklungen oft von Vorurteilen, Medienberichten und intuitiven Denkfehlern geprägt ist.
Was mir dabei besonders gefällt: Rosling fordert nicht zu blindem Optimismus auf, sondern zu einem faktenbasierten und differenzierten Blick auf die Realität. Er schreibt verständlich, unterhaltsam und persönlich. Rosling verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit Geschichten aus seiner langjährigen Arbeit als Arzt und Forscher.
Factfulness ist eine Lektüre für alle, die ihre Sicht auf die Welt hinterfragen und lernen möchten, Informationen kritisch und datenbasiert zu bewerten. Mich hat es sehr zum Nachdenken angeregt.“
Ferenc Krausz ist Inhaber des Lehrstuhls für Experimentalphysik / Laserphysik an der LMU und Direktor am Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching. 2023 wurde er mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet.
Hans Rosling, Anna Rosling Rönnl und Ola Rosling: Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Ullstein Verlag
Dr. Anna Axtner-Borsutzky | © LMU/Florian Generotzky
„Seit ich durch einen Zufallsgriff im Buchladen einen Roman von Elif Shafak gelesen habe, verschlinge ich ihre Bücher nahezu. Die Themen, die sie wählt, sind historisch verankert und politisch hochrelevant, die Perspektiven vielfältig und die Sprache so wunderschön poetisch.
Wenn ich mich entscheiden müsste, welcher Roman mein Favorit ist, würde ich Das Flüstern der Feigenbäume (Original The Island of Missing Trees 2021) nennen.
Wie häufig bei dieser Autorin spielt die Handlung an mehreren Orten zu verschiedenen Zeiten: In London Ende der 2010er-Jahre und auf Zypern im Jahr 1974 – es geht im Kern um den Ausbruch des Bürgerkriegs auf Zypern, der die griechische und die türkische Bevölkerung zu Feinden werden lässt und zu Neuanfängen in anderen Ländern zwingt. Eine der vielen Erzählstimmen erstreckt sich über beide Erzählstränge und gehört einem Feigenbaum, von dem ein Spross von Zypern nach England mitgenommen wird. Dieses Versetzen einer Pflanze aus der gewohnten in eine neue Umwelt ist auch metaphorisch im Gesamtkontext zu deuten. Kann ein Feigenbaum in London gedeihen?
Es geht in mitreißender Sprache um Krieg, Politik, die Teilung eines Landes und damit von Familien, um Geschichte und Gesellschaft – aber auch um Liebe. Was will man mehr von einer packenden Sommerlektüre?“
Dr. Anna Axtner-Borsutzky ist Akademische Rätin a. Z. an der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften der LMU und leitet das Teilprojekt Theaterwesen im Rahmen des BMBF-Forschungsvorhabens „Lost in Archives. Auf der Suche nach unsichtbaren Frauen im 18. Jahrhundert“.
Elif Shafak: Das Flüstern der Feigenbäume. Kein & Aber
Paraskevi Trianti | © LMU
„In The Ones Who Walk Away from Omelas (1973) entwirft Ursula K. Le Guin eine allegorische Utopie, in der das Glück der vielen auf der Missachtung der Würde eines Einzelnen beruht. Omelas scheint die Erfüllung aller menschlichen Sehnsüchte zu sein – ein Ort ohne Krieg, ohne Tyrannei und ohne Mangel. Aber das Glück ist an eine Bedingung geknüpft und untrennbar mit dem Leid eines Kindes verbunden – ein Umstand, von dem Omelas Bewohner wissen.
Über 50 Jahre nach Erscheinen sind Le Guins Fragen noch genauso aktuell wie damals: Wie steht es um unser Verständnis von Gerechtigkeit, wenn das Leid der anderen nicht nur Kollateralschaden, sondern Voraussetzung für unseren Wohlstand ist? Und welche Geschichten werden erzählt, um die Grundlage dieser gesellschaftlichen Ordnung zu rechtfertigen – vor uns selbst und vor anderen?
Ursula K. Le Guins The Ones Who Walk Away from Omelas empfiehlt sich besonders für Leserinnen und Leser, die philosophische Science-Fiction wie Denis Villeneuves Arrival schätzen.“
Paraskevi Trianti studiert Philosophie und Politikwissenschaft an der LMU
Ursula K. Le Guin: The Ones Who Walk Away from Omelas
Professor Kevin Heng | © Alessandro Della Bella
„In unserer modernen Gesellschaft gibt es die unausgesprochene Annahme, dass Technologie nahezu jedes Problem lösen kann. Mit genügend Zeit, Ressourcen und Innovationskraft, so scheint es, lässt sich jede Herausforderung bewältigen, vor der wir Menschen stehen – selbst der Tod. Das zeigt die Billionen-Euro-Industrie rund um Longevity (Langlebigkeit). Doch ist der Tod tatsächlich ein medizinisches Problem, das es zu lösen gilt? Sollte jedes menschliche Leben um jeden Preis verlängert werden – selbst dann, wenn dies auf Kosten des Wohlbefindens, der Würde oder des ausdrücklichen Willens eines Patienten geschieht?
In Being Mortal: Illness, Medicine, and What Matters in the End geht der Bestsellerautor, Chirurg und Harvard-Professor Atul Gawande diesen Fragen mit bemerkenswerter Ehrlichkeit und großem Mitgefühl nach. Es ist eines der bewegendsten Bücher, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe.
Ausgehend von seinen Erfahrungen als Arzt und anhand zutiefst persönlicher Geschichten schildert Gawande das Leid von Patienten, deren Leben zwar verlängert wurde, deren Lebensqualität jedoch zugleich unaufhaltsam schwand. Er zeigt, dass die moderne westliche Medizin außerordentlich gut darin geworden ist, Leben zu verlängern – weit weniger jedoch darin, Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen, wenn Heilung nicht mehr möglich ist.
Anstatt den Tod als endgültiges Scheitern der Medizin zu begreifen, lädt Gawande dazu ein, darüber nachzudenken, worauf es am Ende des Lebens wirklich ankommt. Er erinnert daran, dass die Medizin nicht nur fragen sollte: ‚Wie können wir länger leben?‘, sondern auch: ‚Was macht ein Leben lebenswert?‘ Vielleicht besteht eine der größten Herausforderungen im Leben nicht darin, dem Tod auszuweichen, sondern ihm mit Würde zu begegnen.
Wie das Buch auf eindringliche Weise zeigt, geht es letztlich nicht um einen guten Tod, sondern um ein gutes Leben – und genau danach sollten wir in der begrenzten Zeit streben, die uns auf dieser Erde gegeben ist.“
Kevin Heng ist Inhaber des Lehrstuhls für Theoretische Astrophysik an der LMU.
Atul Gawande: Sterblich sein. Was am Ende wirklich zählt. Fischer Taschenbuch
Atul Gawande: Being Mortal: Illness, Medicine, and What Matters in the End. Macmillan USA
Lena Radau | © LMU / Manu Theobald
„Mir gefallen Bücher, in denen Dinge anders gemacht werden als üblich, und genau das tut Nincshof von Johanna Sebauer auf eine lustige und leichte Art. Das macht es für mich zur perfekten Sommerlektüre.
Nincshof gibt es nicht mehr, jedenfalls nicht so, wie es einmal war. Versteckt im Schilf war das Dorf lange nur seinen Bewohnerinnen und Bewohnern bekannt. Erst die Trockenlegung holte den Ort auf die Landkarte und mit seiner Sichtbarkeit verschwand auch die Freiheit, die ihn ausgemacht hatte.
Eine kleine Gruppe selbsternannter Oblivisten will das rückgängig machen. Unterstützung erhoffen sie sich von Erna Rohdiebl, fast achtzig, die nachts heimlich im nachbarlichen Pool ihre Bahnen zieht und damit weiß, was Freiheit bedeutet. Nur ist der Plan, Nincshof verschwinden zu lassen, die dümmste Idee, die Erna bislang untergekommen ist.
Eine Geschichte über ein verlorenes Paradies, den Drang nach Freiheit und die eigenwilligen Wege, die ihre Figuren dafür gehen.“
Lena Radau ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl für Soziale Ungleichheit und Soziale Strukturen der LMU.
Johanna Sebauer: Nincshof. Dumont
Carly Russell bei einem Science Slam | © CAS/LMU
„Als Kind war ich ein Bücherwurm. Ich verschlang Bücher mit unstillbarem Appetit und konnte mir Sommerferien ohne einen Stapel von mindestens 20 Romanen, die mich über die Zeit bringen sollten, überhaupt nicht vorstellen. Inzwischen scheint mir angesichts der vielen Pflichtlektüre und Schreibaufgaben in meinem Alltag als Doktorandin und meiner am Ende des Arbeitstages erschöpften Vorstellungskraft das Lesen zum Vergnügen zu anstrengend. Manchmal habe ich das Gefühl, jenes kleine Mädchen verloren zu haben, das man nie ohne ein Buch in der Hand antreffen konnte. Aber ich habe eine ‚Dreierregel‘, wenn es um Medien geht: Wenn mir etwas von mindestens drei vertrauenswürdigen Quellen empfohlen wird, muss ich es ausprobieren. Dieser Regel folgend habe ich mir letzten Sommer den Roman Piranesi von Susanna Clarke als Urlaubslektüre ausgesucht, und ich bin sehr froh darüber.
Die Protagonistin in diesem stimmungsvollen und nachdenklichen Roman versucht, eine unergründliche und surrealistische Unterwelt zu verstehen. Die Prosa wirkt in ihrem Rhythmus fast poetisch, mit einem Tempo, das zum Weiterlesen verleitet und es dem Leser zugleich ermöglicht, bei jedem kleinen Detail zu verweilen.
Während sich die der Handlung innewohnenden Geheimnisse nach und nach entwirren, tritt eine bekannte, eindringliche Hässlichkeit im Kern der Geschichte zutage, die mir in unserer heutigen Welt nur allzu bekannt vorkommt. Doch der Roman versinkt nicht in dieser Dunkelheit, sondern zeigt vielmehr, wie man sich dagegen wehren kann, ihr zu erliegen: Indem man sich Neuem öffnet, kleinen Freuden gegenüber offen bleibt und durch Liebenswürdigkeit sowie die Wertschätzung dessen, was an Schönheit bleibt.
Es ist eines jener Bücher, die unter die Haut gehen und einem noch lange nach dem Lesen im Gedächtnis bleiben und die dazu einladen, ihre unscheinbare Komplexität immer wieder neu zu entschlüsseln. Vielleicht hat mir dabei geholfen, dass ich mich viel zu sehr mit der wissenschaftlichen Hauptfigur identifizieren konnte, die von der Natur der Welt um sie herum besessen ist? Wahrscheinlich.
Ich habe dieses Buch genossen, weil es auf mich völlig einzigartig und rundherum ausgefeilt wirkt und mich daran erinnert, wie es war, als Kind ein neues Buch zu entdecken. In einer Zeit massenhaft produzierter, recycelter Handlungsstränge, die als ‚das nächste große Ding‘ angepriesen werden, während immer wieder dieselben abgedroschenen Klischees aufgewärmt werden, fühlte es sich wie ein Hauch frischer Luft an, dieses Buch zu lesen. Es ließ mich wieder wie jenes kleine Mädchen fühlen, das während eines Sommer-Roadtrips auf dem Rücksitz des Familienautos saß und so sehr in einen Roman vertieft war, dass es die zurückgelegten Meilen und die verstreichende Zeit kaum wahrnahm – und genau das macht es für mich zur perfekten Sommerlektüre.“
Carly Russell ist Doktorandin der Biologie an der LMU München.
Susanna Clarke: Piranesi. Bloomsbury Publishing bzw. Karl Blessing Verlag